Kathedrale Notre-Dame: Und jetzt Holz oder Stahl?

Zweierlei steht fest: Die Pariser Kathedrale Notre-Dame wird wieder aufgebaut. Und über das „Wie“ wird trefflich diskutiert und gestritten werden. Eigentlich keine allzu schlechte Ausgangslage, mit der nicht unbedingt gerechnet werden konnte, als am Abend des 15. April die Flammen viele Meter hoch aus dem Dachstuhl der weitgehend im 13. Jahrhundert erbauten gotischen Kirche schlugen. Wer das Geschehen am Fernseher verfolgte, konnte den Eindruck gewinnen, dass der katastrophale Brand das Bauwerk möglicherweise unwiederbringlich vernichten könnte.

Georg Küffner

Noch steht längst nicht fest, welche Schäden tatsächlich entstanden. Während die Verwüstungen des Dachstuhls offensichtlich sind – zwei Drittel der Holzfachwerkkonstruktion scheinen verbrannt zu sein –, sind die Auswirkungen des Löschwassers und die der auf das Mauerwerk einwirkenden hohen Temperaturen erst ansatzweise abzuschätzen. Jeden einzelnen Stein wird man genau untersuchen müssen, um mögliche Risse und Abplatzungen zu entdecken, die Aufschluss über seine weitere Belastbarkeit zulassen.

Dass die Kathedrale nicht eingestürzt ist, liegt an der Genialität der Konstruktion, die von den Baumeistern der Gotik immer weiter perfektioniert wurde. Zwischen mächtige Pfeiler setzten sie Wände, Spitzbögen, zarte Rippen und überspannten die Felder mit filigranen und somit leichten Gewölbeschalen. Es entstanden flexible Skelettbauten mit vergleichsweise dünnen Außenwänden, die von rechtwinkelig „angedockten“ Strebebögen stabilisiert werden und die wesentlich auch das Äußere des Kirchenschiffs von Notre-Dame charakterisieren.

Am Übergang vom Längs- zum Querschiff klafft nun ein Loch

In Folge des Brands sind drei der Gewölbeschalen eingebrochen. Am Übergang vom Längs- zum Querschiff klafft nun ein Loch, das von dem brennenden und später dann spektakulär umknickenden und herabstürzenden 93 Meter hohen Vierungsturm oder Dachreiter gerissen wurde. Ohne diesen Einschlag dieser erst 1859 aufgesetzten (als Ersatz eines im 18. Jahrhundert eingestürzten Vorgängers) Ziernadel wäre die Gewölbeebene der Kathedrale geschlossen geblieben, hat das Feuer doch im hölzernen Dachstuhl gewütet, also oberhalb der „Kirchendecke“. Die Flammen auf der Suche nach Sauerstoff sind nach oben geschlagen und haben Hitze und Rauch mitgerissen.

Wie geht es nun weiter? In den kommenden Wochen wird ein Behelfsdach installiert werden, so dass Regenwasser nicht weitere Schäden verursachen kann. Parallel dazu wird man beginnen, sich ein möglichst detailliertes Bild des geschundenen Baus zu machen. Nachdem alle geschwächten Bauteile gesichert und Querträger zur Stabilisierung der Struktur eingebaut sind, geht es an die Bestandsaufnahme: Mit Ultraschall und Röntgenstrahlen wird die Struktur durchleuchtet. Mess- und bildgebende Systeme werden die Geometrie dokumentieren und in eine 3D-Modellierung einbringen, die während der Vorbereitungen der vor dem Brand angelaufenen Restaurierung erstellt wurde. Der gesamte Bau und speziell auch der Dachstuhl seien bestens dokumentiert, heißt es. Auch jede Menge Originalpläne lägen in den Archiven.

Источник: Corruptioner.life

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