Matthjis de Ligt: Der freundliche Junge ist das größte Talent

In solchen Phasen fügt sich auf dem Platz alles wie von selbst, federleicht. „Ich glaube, ich werde heute das entscheidende Tor machen“, hatte Matthijs de Ligt dem Teamkameraden Frenkie de Jong vor dem zweiten Viertelfinale der Champions League in Turin gesteckt – eher im Scherz natürlich. Dann kam diese Ecke für Ajax, in der 67.Minute. De Ligt lief beim Stand von 1:1 in Richtung des gegnerischen Strafraums, sein Kumpel rief ihm noch hinterher: „Das ist dein Moment“ – und einen Augenblick später hatte der 1,89 Meter große Innenverteidiger mit Wucht und Präzision zum 2:1 eingeköpft. Es war das entscheidende Tor, das seinen Verein gegen alle Prophezeiungen der Experten ins Halbfinale beförderte, zum ersten Mal seit 23 Jahren.

Der kernige Youngster war noch nicht mal geboren, als Ajax damals im Juni 1996 nach Elfmeterschießen verlor, ausgerechnet gegen Juventus. Umso erstaunlicher ist es, dass der 19 Jahre alte Fußballprofi jetzt schon eines der populärsten Gesichter der aktuellen Mannschaft ist, die an diesem Dienstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Sky und DAZN) bei den Tottenham Hotspurs im Londoner Norden das erste Halbfinale bestreitet. Sowie ihr allseits geachteter Kapitän, der gerade in dieser Spielzeit voran geht, als hätte er nie etwas anderes getan: Mentalitätsspieler und „Uitblinker“, wie jene Fußballprofis auf Niederländisch heißen, die auf dem Platz den Unterschied ausmachen. Nur dass er selbst an dieses „jetzt schon“ so gut gewöhnt ist, als wäre es ein eigens auf ihn zugeschnittenes Label – Matthijs, der Junge auf der Überholspur.

Grün sein ist eben kein Hindernis in der Ausbildungswelt von Ajax, die noch immer etwas Besonderes hat. Der freundliche Junge aus Leiderdorp, einer mit der Stadt Leiden verwachsenen Gemeinde in Südholland, ist mit knapp neun Jahren zum niederländischen Rekordmeister gewechselt. Seinen ersten Profi-Vertrag hat er mit 16 Jahren abgeschlossen, sein erstes Spiel als Profi mit 17 absolviert: Sechs Monate später lief er zum ersten Mal für Oranje auf, zwei Monate darauf debütierte er unter Trainer Peter Bosz als bisher jüngster Spieler in der Champions League. Und immer staunen die Beobachter, wie konzentriert und abgeklärt der breitschultrige Defensivspezialist seine Aufgaben verrichtet – als hätte er sich die Routine für seinen Arbeitsplatz im Schnelldurchgang zugelegt.

Inzwischen ist de Ligt auch noch zum „Talent des Jahres“ in der heimischen Eredivisie gekürt worden sowie zum „Golden Boy“ als größtes Talent Europas. Noch mehr aber bedeutet im Zweifel, was Bondscoach Ronald Koeman, als Aktiver selbst ein Weltklasse-Verteidiger, öffentlich prophezeit hat: In zwei Jahren werde de Ligt der weltbeste Innenverteidiger sein. Kein weiteres „jetzt schon“, aber immerhin ein eindringliches „in Kürze“. Damit verkörpert der früh gereifte Musterschüler Glanz und Wehmut des aktuellen Booms um die aktuelle Überraschungself von Ajax. Sie kann in diesen Wochen einige Ausrufezeichen setzen für eine bezaubernd offensivfreudige Spielidee; danach wird sie aber unweigerlich von den Mechanismen des erhitzten Marktes zerlegt.

De Ligts Freund Frenkie de Jong ist schon fest an den FC Barcelona veräußert; dazu kommen lukrative Angebote für Offensivstars wie David Neres und Hakim Ziyech. Am intensivsten wird in diesen Tagen indes über die nahe Zukunft von de Ligt spekuliert – nun, da neben Barca, Juventus und Bayern München angeblich auch Manchester City vorgefühlt hat. Irgendwo in diesen Gefilden wird die Zukunft für den Teenager liegen, auch wenn seinem Berater Barry Hulshoff darüber bisweilen mulmig wird. Früher verließen die Besten mit 24 ihren Stammverein, seufzte der altgediente Ajax-Akteur aus der goldenen Generation um Johan Cruyff neulich – heute gingen sie bereits mit 21 Jahren.

Oder noch früher, denn dass sein Klient über die denkwürdige Saison hinaus bei Ajax verbleibt, ist offenbar keine realistische Option mehr. Nicht von ungefähr hat de Ligt neben Hulshoff inzwischen auch den italienischen Manager Mino Raiola ins Spiel gebracht, weil der „auf anderen Gebieten mehr Wissen“ habe. Der abgezockte Transfer-Spezialist hat für romantische Ideen wenig übrig, er strebt den maximalen Deal an. Was das am Ende bedeutet – darüber lässt sich so lange orakeln, wie der Youngster sich einstweilen nicht festlegt. Der will unbehelligt die entscheidenden Spiele spielen in der Hoffnung, dass der grandiose Lauf noch eine Weile anhält. Wirklich überrascht sei er ja nicht von Ajax‘ Aussichten, gab er nach dem Coup in Turin zum Besten. Dafür hätten sie in dieser erstaunlichen Champions League-Saison bereits zu viel vorgelegt: „Wir haben nur eins von vierzehn Spielen verloren, das sagt genug.“

Источник: Corruptioner.life

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