Popularität von Podcasts: Wie die Digitalisierung das Hören verändert hat

Am Dienstag ist Luminary in Betrieb gegangen: So nennt sich eine neue App, die Podcasts bündelt. Wer acht Dollar im Monat zahlt, erhält zudem Zugriff auf exklusiv produzierte Angebote. Noch funktioniert Luminary nur in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Kanada und Australien, doch schon ist vom „Netflix für Podcasts“ oder vom „Spotify für Podcasts“ die Rede. Die App, ausgestattet mit einem Startkapital von hundert Millionen Dollar, ist jedenfalls das nächste Signal, dass Podcasts offenbar das sogenannte neue Ding sind; auch die von RTL Radio Deutschland im März eingeführte, ähnlich angelegte „Audio Now“-App spricht dafür.

Tobias Rüther

Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Wobei Podcasts das neue große Ding ja auch schon mal waren, vor zehn, fünfzehn Jahren ungefähr. Dann verschwanden sie, ohne ganz wegzugehen. Jetzt sind Podcasts – mehr oder weniger professionell produzierte Audioprogramme, die es für so gut wie alles gibt, von Astrophysik bis zu Apfelstrudelrezepten – aber wieder da. Und populärer als je zuvor. Eine ähnliche Karriere wie die von Twitter, das eine Zeitlang ja auch eine kleine Rolle spielte, bis es zurückkam, als bevorzugtes Medium von Präsidenten und Journalisten. Oder wie die des Newsletters: Eben noch lästige Begleiterscheinung von Geschäftsabschlüssen im Netz, eine Werbeausschüttung zum Ignorieren oder Löschen, jetzt, in optimierter Form, ein pointiertes, erzählerisches journalistisches Medium.

Podcasts jedenfalls produzieren inzwischen so gut wie jede Redaktion, so gut wie jeder Verlag, jede Sendeanstalt, selbst Radios tun es, und das sind nur die traditionellen Anbieter von Unterhaltung und Information. Denn auch der Automobilkonzern Audi betreibt jetzt einen Podcast. Der Branchendienst „W&V“ hat im Januar dieses Jahres von dreihundert Millionen Podcasts weltweit berichtet, sechstausend aus Deutschland sollen es sein.

Was sie befördern, was sie zerstören, was sie verwandeln

Für Podcasts braucht man die entsprechenden Apps, ein Smartphone (die meisten nutzen sie jedenfalls auf diesem Weg), Ohren am Kopf – und Geduld und die Gabe oder zumindestens den Willen zum Zuhören. Denn so charmant und selbstgebastelt und spezialistisch abschweifend und irgendwie basisdemokratisch jene Podcasts auch wirken, in denen ungeübte Stimmen zu Wort kommen, und die digitalen Bibliotheken sind voll davon: Das kann auch anstrengen.

Der amerikanische Journalist Chris Richards hat sich kürzlich in der „Washington Post“ über die Produktionsqualität, ja, den mangelnden Ernst von Podcasts beklagt – und sich dabei auf den Podcast „Ways of Hearing“ des Autors Damon Krukowski bezogen, aus dem inzwischen auch ein Buch geworden ist: Krukowski beschäftigt sich damit, wie die Digitalisierung das Hören verändert, auch das soziale Hören, vor allem aber die Tonqualität – weniger intim, dafür lauter und effizienter. Was man zum Beispiel beim Telefonieren bemerkt. Aber auch Podcasts, so muss man Richards’ Essay in der „Washington Post“ verstehen, banalisieren den Sound, aus mangelnder Sorgfalt der Produzenten: „Tragisch“, schreibt Richards, „lauter schlaue Köpfe, aber sie breiten ihre Einsichten aus wie ein Kind, das auf einem Schlagzeug in einem Gitarrenladen herumtrommelt.“

So viele Annahmen gibt es, was die Digitalisierung und ihre Informations- und Unterhaltungsformate alles anrichten. Was sie befördern, was sie zerstören, was sie verwandeln. Trotzdem sind soziale Medien noch nie ausgekommen ohne jene kulturellen Techniken, die Kritiker der Digitalisierung wie der Schriftsteller Will Self ja gerade gegen sie ins Feld führen. Also: Lesen. Schreiben. Fremdsprachen lernen (wer kein Englisch kann, ist aufgeschmissen angesichts globalisierter Informations- und Unterhaltungsströme).

Stark als Erregungsmedien wahrgenommen

Und, im Falle der Podcasts eben: zuhören. Denn selbst, wenn die Tonqualität von Musik und Kommunikation nachlässt, wie Krukowski und Richards festgestellt haben, setzen Podcasts aber etwas voraus, das ungebrochen scheint: Die Bereitschaft zum Zuhören, sogar zum geduldigen Zuhören, zum Zuhören in einem Ausmaß, wie man es aus dem Alltag und auch aus herkömmlichen Medien selten gewohnt ist, es sei denn, man geht gern in Wagner-Opern.

Источник: Corruptioner.life

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