Reul spricht von „Fehler“: Weiteres kinderpornografisches Material im Missbrauchsfall Lügde gefunden

Auf einem der Datenträger, die kürzlich beim Abriss der diversen Campingwagen und Baracken des Hauptverdächtigen im Missbrauchsfall von Lügde zufällig gefunden worden waren, befindet sich kinderpornografisches Material. Das teilte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) am Dienstag in einer von der Opposition beantragten Sondersitzung des Landtags-Innenausschusses mit. Weitere elf Video-Kassetten, die ebenfalls bei den Arbeiten gefunden worden waren, hätten keinen für die Ermittlungen relevanten Inhalt, sagte Reul.

Reiner Burger

Nach bisherigen Erkenntnissen hat der Hauptverdächtige Dauercamper Andreas V. mit einem Komplizen über Jahre hinweg in seiner Parzelle im Landkreis Lippe 40 Kinder missbraucht und dabei gefilmt. Die beiden Verdächtigen und ein Mann aus Stade, der sich mit dem kinderpornographischen Material hatte beliefern lassen, sitzen in Untersuchungshaft. Die Polizei hatte mehrere Wochen gebraucht, um die unübersichtliche und vermüllte Parzelle von Andreas V. zu durchsuchen, und war dabei immer wieder auf weiteres Beweismaterial gestoßen. Sogar ein spezieller Spürhund für Datenträger war zwischenzeitlich im Einsatz. Nachdem die Staatsanwaltschaft Detmold den Tatort Ende März freigegeben hatte, war dann Mitte April ein mit dem Abriss der Verschläge des Hauptbeschuldigten beauftragter Bauunternehmer auf weitere Datenträger gestoßen. Zudem wurde die Polizei erst dann auf einen Schuppen aufmerksam, der V. bis dahin nicht zugeordnet worden war. Innenminister Reul kritisierte das am Dienstag. „Das war ein Fehler, auch wenn in dem Schuppen nur Werkzeug gefunden wurde.“

Der Fall Lügde gilt auch deshalb als einer der größten Behördenskandale der vergangenen Jahre in Nordrhein-Westfalen, weil schon seit 2016 einschlägige Hinweise zu V. vorlagen, aber weder Jugendämter noch Polizei diesen konsequent nachgingen. Als dann Ende 2018 die Ermittlungen begannen, verschwand bei der Polizeibehörde Lippe Beweismaterial, das bis heute nicht wieder aufgefunden wurde. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Datenträger mit kinderpornografischem Material von einem unbekannten Täter aus dem ungesicherten Sichtungsraum der Behörde gezielt entwendet wurde. Innenminister Reul hatte im Februar von Behörden- und Polizeiversagen an „allen Ecken und Kanten“ gesprochen.

Am Dienstag lobte Reul die Arbeit des Polizeipräsidiums Bielefeld, das die Ermittlungen im Januar auf seine Anweisung hin von der überforderten Kreispolizeibehörde Lippe übernommen hatte. Die kriminalistische Arbeit der Ermittlungskommission „Eichwald“ der Bielefelder Polizei sei von „außergewöhnlicher Qualität und Intensität“, sagte Reul. Doch auch wer gut und viel arbeite, mache Fehler. Entscheidend sei der transparente Umgang mit Fehlern, um aus ihnen zu lernen, weshalb er kontinuierlich über alle Vorgänge berichte.

Auf die Frage der Opposition, warum die Abrissarbeiten auf dem Campingplatz in Lügde nicht von der Polizei beaufsichtigt worden waren, verwies der Minister auf die vorangegangene Entscheidung der zuständigen Staatsanwaltschaft Detmold, den Tatort freizugeben. Die Behörde habe auch bestimmt, dass keine weiteren polizeilichen Sicherungsmaßnahmen mehr nötig seien. Reul zitierte im Ausschuss aus einem Schreiben der Staatsanwaltschaft, wonach die schon bei den Durchsuchungen der Parzelle sichergestellten riesigen Mengen an Beweismaterial ausreichten, Andreas V. und die anderen Verdächtigen zu überführen. Der nachträglich gefundene Datenträger mit kinderpornografischem Material sei nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft für das Verfahren nicht von Relevanz.

Offene Sprechstunde für Betroffene

Für die Polizei sei der Fund trotzdem wichtig, da er Hinweise auf andere Fälle und Opfer geben könnte. Deshalb sei die Ermittlungskommission „Eichwald“ – benannt nach dem Namen des Campingplatzes – auf mittlerweile 79 Mitarbeiter aufgestockt worden, sagte der Innenminister. Bereits vergangene Woche hatte Reul angekündigt, den Campingplatz abermals absuchen lassen zu wollen. „Das ist ein großes Gelände, wir werden es uns weiter genau ansehen und die Menschen dort befragen“, hatte Reul gesagt. Am Dienstag kündigte der Innenminister an, dass die EK „Eichwald“ auch möglichst alle Nutzer des Campingplatzes befragen werde. Es gehe darum, kein mögliches Opfer zu  übersehen.

Unterdessen kündigte die Opferschutzbeauftrage des Landes Nordrhein-Westfalen, Elisabeth Auchter-Mainz, zwei sogenannte offene Sprechstunden in Lügde an. Am Nachmittag des 2. Mai und am Vormittag des 3. Mai stünden auch Fachleute des kommunalen Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, des polizeilichen Opferschutzes sowie des Weißen Rings in Lügde  zur Verfügung, sagte die Opferschutzbeauftragte am Dienstag in Düsseldorf. Der Fall Lügde beschäftige ihr Büro sehr. Jedes bislang bekannte Opfer sei angeschrieben worden. Auchter-Mainz nannte „45 Betroffene“, darunter auch Geschwisterkinder. Teilweise handele es bei den Geschädigten um inzwischen erwachsene Frauen. Mit Blick auf den bevorstehenden Prozess vor dem Landgericht Detmold sei für mehrere Zeugen bereits eine psychosoziale Prozessbegleitung bestimmt worden. Wann mit einer Anklage zu rechnen ist, steht noch nicht fest. Die Staatsanwaltschaft Detmold teilte mit, sie arbeite derzeit am Entwurf einer Anklageschrift.

Источник: Corruptioner.life

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