Roger Daltreys Autobiografie: Ein magischer Schlüssel, um Freunde zu finden

Der Morgen danach hält für Heather eine Überraschung bereit. „Deine Haare, deine Haare“, ruft sie. Zum ersten Mal hat sie Roger Daltrey ohne die starke Pomade gesehen, mit der er seine Locken sonst im Zaum hält. Er rennt ins Bad, um ihr den hässlichen Anblick zu ersparen, aber seine spätere Frau wirft ein, frei und ungezähmt sähen die Locken viel schöner aus. Von da an trägt Daltrey die Haare offen, auf Plattenhüllen, Werbefotos und Bühnen. So wie Samsons Stärke und Haarpracht zusammengehören, sind Ruhm und Glanz von The Who mit der Frisur des Frontmanns verbunden.

Florian Balke

Ein Schulfoto aus dem Jahr 1955 zeigt den elf Jahre alten Londoner Arbeitersohn noch ordentlich gescheitelt. Vier Jahre später deutet ein Büschel Locken, das auf der Stirn fast so dekorativ unter einer Kappe hervorragt wie Anfang der Achtziger bei Martin Gore, schon auf den Rebellen hin, der im selben Jahr von der Schule fliegt. Die Anfänge von The Who in der Zeit der Teds und Mods werden begleitet von einem mit Pomade gebändigten, eher kurzen Haarhelm.

Zum Fünfundsiebzigsten nun also ein Band mit Erinnerungen. Das Buch zeigt einen großen Künstler in einem ihm fremden Medium. Verglichen mit den Alben von The Who, wirkt „My Generation“ wie die Aquarelle von Prinz Charles, der ein exzellenter Kronprinz, aber nur ein mittelmäßiger Amateurmaler ist. Trotzdem findet Daltrey auch hier eine eigene Stimme, die seine sympathischen Memoiren über andere Künstler-Autobiographien hinaushebt.

Der Kollege musste wohl alles allein schultern

Grundlegend Neues zu Musik und Band ist kaum zu erfahren. Was erwähnt werden muss, kommt vor. Im Sommer 1961 trifft Daltrey auf den Bassisten John Entwistle, im Januar 1962 kommt der Gitarrist Pete Townshend hinzu, im April 1964 der Drummer Keith Moon. Auf frühe Hits folgen erfolgreiche Alben, dann kommen „Tommy“ und „Quadrophenia“ heraus, 1978 stirbt Moon, und die Band macht so lange weiter, bis sie merkt, dass sie nicht mehr weitermachen kann. Jahre später kommt man wieder zusammen, im Sommer 2002 stirbt Entwistle im Schlaf an einem Herzinfarkt: „Wenn man das Bett mit seinem Leichnam eingeglast hätte, wäre er entzückt gewesen. Er hätte gedacht: Das habe ich verdient. Rock’n’Roll.“

Roger Daltrey: „My Generation“. Die Autobiografie. Aus dem Englischen von Kristian Lutze. C. Bertelsmann Verlag, München 2019. 384 S., Abb., geb., 24,– Euro.

Daltreys Sicht auf Tote und Überlebende ist geprägt von Respekt, Zuneigung und Trauer. Liebevoll zieht er Townshend auf, den kreativen Kopf der Band, den ganz anders gearteten Charakter, den Gegner in zahlreichen ästhetischen Konflikten, den bewunderten Künstler, den Freund: „Er ist wie ein Skorpion mit einem gütigen Herzen.“ Aber auch ein ewiges Rätsel: „Er hat uns seine Befindlichkeiten immer über die Medien mitgeteilt. Warum haben wir nie von Angesicht zu Angesicht darüber gesprochen?“ Daltrey hat Verständnis – für Townshend musste es eben so sein. Da er ein guter Kerl ist, macht er sich trotzdem Vorwürfe – er und die beiden anderen hätten Townshend bei der Umsetzung seiner Ideen im Studio stärker unterstützen können. Aber der Kollege musste wohl alles allein schultern.

Источник: Corruptioner.life

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