Kino aus China: Eine Chronik der Wirklichkeit

Zhang Yimous Film „Yi Miao Zhong“ („One Second“), kommt, wie vorgestern gemeldet, nicht nach Berlin, angeblich wegen technischer Probleme, in Wahrheit wohl, so vermutet die Mehrheit der Festivalbesucher, weil er während der Kulturrevolution spielt. Der neue Film seines Regiekollegen Wang Xiaoshuai, der auf Englisch „So Long, My Son“ heißt, darf dagegen auf der Berlinale laufen, obwohl er von Ereignissen handelt, die zeitlich viel näher liegen und weniger historisch sind als das Gewaltgeschehen im China der sechziger und frühen siebziger Jahre.

Andreas Kilb

Warum? Wenn man „So Long, My Son“ mit dem bösen Blick des Zensors betrachtet, fallen einem genügend Szenen auf, die der Führung des Landes kein gutes Zeugnis ausstellen. Eine Nebenfigur beispielsweise, ein vom Hongkong-Kino und von westlicher Popmusik besessener junger Arbeiter, wird nach dem Besuch einer „Party im Dunkeln“ verhaftet und muss Jahre im Gefängnis verbringen. Bei der Umstellung auf kapitalistische Produktionsweise gehen in der Metallfabrik, die einer der Schauplätze des Films ist, Dutzende von Arbeitsplätzen verloren, was zu Krawallen und zum Abbruch einer Betriebsversammlung führt. Noch folgenreicher allerdings ist die Ein-Kind-Politik des Regimes, die jede weitere Geburt mit hohen Geldstrafen ahndet. In „So Long, My Son“ führt sie zu einer Tragödie.

„Unsere Spuren sind ausgelöscht“

Ein Ehepaar, Yaojun und Liyun, lebt mit seinem Adoptivsohn in einer Küstenstadt in Südchina, wo der Mann eine Werkstatt betreibt. Einst waren die beiden in einer Metropole des Nordens beschäftigt, bevor der Tod ihres leiblichen Sohnes sie in die Fremde trieb. Das Kind ist, wie wir in Rückblenden erfahren, beim Baden mit seinem Freund, dem Patensohn des Paares, ertrunken, was schlimm genug ist. Zur Katastrophe wird das Unglück dadurch, dass Liyun nach einer erzwungenen Abtreibung unfruchtbar ist. Die dafür Verantwortliche, die Familienplanungsbeauftragte des Metallbetriebs, ist die Mutter des Jungen, der ihren Sohn ins Wasser stieß.

„So Long, My Son“ ist eine Geschichte vom Schicksal, das über die Menschen hereinbricht und ihr Leben verdunkelt, vom Schmerz, der zu groß ist, um in Worten ausgedrückt zu werden, und von den Wörtern, die doch einmal gesagt werden müssen, wenn die Wahrheit ans Licht kommen soll. Man kann das alles mit großem Aufwand, mit Streichern und Bläsern auf der Tonspur und Charaktermasken vor der Kamera erzählen, wie es Lone Scherfig in ihrem Eröffnungsfilm „The Kindness of Strangers“ getan hat, aber Wang Xiaoshuai zeigt, dass es auch anders geht.

Share

You may also like...